„3nach9“ Jubiläumssendung/ Seit Anfang an dabei: Gottfried Böttger

„Gottfried heißt der Knabe da hinten am Klavier und für jede Nummer Ragtime kriegt er ‘n Korn und ‘n Bier“, heißt es in einer Textzeile von Udo Lindenbergs „Andrea Doria“. Der Knabe hieß tatsächlich Gottfried mit Vor- und Böttger mit Nachnamen. Seit Beginn an ist er der Pianist im Hintergrund bei „3nach9“, der Talkshow, die am 18. November ihren 40. Geburtstag feiert.

Das Jahr 1974. Der Jazzpianist Gottfried Böttger war mit seiner Band Leinemann gerade im Musikladen aufgetreten, als Moderator Mike Leckebusch ihm von einer Idee des neuen Radio-Bremen-Programmdirektors Dieter Ertl erzählte: „Der will eine Talkshow mit drei Moderatoren machen, das wird nie klappen. Wahrscheinlich läuft die nur ein halbes Jahr und wird dann wieder abgesetzt. Aber ich brauche dafür einen Pianisten, der zwischendurch Musik macht, damit ich das Ding auch mal unterbrechen kann.“

Böttger, damals 24 Jahre alt, und noch am Anfang seiner Karriere, sagte ohne viel darüber nachzudenken zu. Es reizte ihn, nicht zu wissen was passiert und entsprechend kurzfristig improvisieren zu müssen. Schließlich ging es um eine Live-Sendung in der es ein bisschen nach Anarchie roch. „Es wusste keiner was passieren würde. Es gab damals ja nicht einmal ein festes Ende.“ Sicher war nur, dass die erste Sendung am 18. November 1974 ausgestrahlt werden sollte. An einem Sonntag. Und da im Dritten der Sendeplatz bis 21 Uhr belegt war und zu dritt moderiert wurde war auch schnell der Titel der Talkshow klar: „3nach9“.
Heute ist „3nach9“ die älteste laufende bundesdeutsche Fernseh-Talkshow.

Programmdirektoren, Moderatoren und Gäste wechselten, ebenso der Ausstrahlungstag sowie die Größe des Moderatorengespanns, welches mittlerweile auf zwei geschrumpft ist. Eine Konstante gibt es aber weiterhin: Gottfried Böttger. Noch immer klimpert der mittlerweile 64-Jährige auf dem Piano und ist so zum Gesicht der Bremer Talkshow geworden. Und das als Hamburger Jung.

Mitte der 70er Jahre waren Talkshows noch ungewohnt im TV. Das nutzte man bei Radio Bremen um etwas für damalige Verhältnisse völlig Ungewöhnliches auf die Beine zu stellen. Leckebusch brachte beispielsweise sein gesamtes Tonstudio mit ins Aufnahmestudio – so etwas kannte man bis dahin nicht. „Aber so hatte er alles im Griff, zumindest alles was man im Griff haben konnte“, erinnert sich Böttger. Schließlich wurde in der Sendung getrunken, geraucht und heiß debattiert – dank open end dauerte die Premiere dann auch bis 4 Uhr morgens! „Das war absolut anarchiches Fernsehen“, sagt Böttger mit einem Schmunzeln. Mit Wolfgang Menge (1974 bis 1982), Marianne Koch (1974 bis 1982) und Gert von Paczensky (1974 bis 1975) hatte man dafür auch genau das richtige Moderatoren-Team am Start. Laut Böttger gab es anfangs auch keinen roten Faden, „jeder brachte seine Meinung ein“, und sogar er selbst konnte eigene Interessen verwirklichen. So wies er auf einen jungen Sänger hin, in dessen Panikorchester er später vertreten sein sollte und der ihn wiederum in einem seiner Songs verewigte: Udo Lindenberg. Kurze Zeit später traten Lindenberg und Böttger zusammen bei 3nach9 auf. Ganz kurzfristig. Vieles wurde bei der Sendung erst etwa eine Woche vorher angedacht, wie Böttger berichtet. Vieles war ungeplant, noch mehr überraschend. „Was bis heute geblieben ist und was ich außerordentlich schätze ist, dass die Gäste noch immer nicht wissen von wem und wie sie interviewt werden.“

Aber hat es ihn denn niemals gereizt, als Hamburger in einer Hamburger Sendung mitzumachen? „Nein“ lautet die ebenso eindeutige wie kurze Antwort. Selbst als man ihn „erpressen“ wollte, ist er darauf nicht eingegangen. „Fünf Jahre nach dem Start von ,3nach9’ ging die NDR-Talkshow erstmals auf Sendung. Der verantwortliche Redakteur verlangte damals von mir, in Bremen aufzuhören und in Hamburg weiterzumachen. Er drohte sogar damit, mich nicht mehr im NDR zu spielen“, so Böttger. Der Musiker hatte sich aber längst in „3nach9“ verliebt. Die „unglaublichen Erfahrungen“ die er gemacht habe, zum Beispiel wie Menschen – „vor allem Politiker“ – sich veränderten, je nachdem ob sie auf oder hinter der Bühne stünden, seien mehr als nur prägend gewesen. Zudem sei es während der Sendung auch immer wieder zu Grenzsituationen gekommen. Und damit meint Böttger nicht, dass ein Gast dem anderen mal ein Glas Wasser über den Kopf geschüttet habe, das sei vergleichsweise harmlos gewesen. Er meint damit zum Beispiel eine Sendung aus dem Swutsch-Studio am Ende der Stadthalle am 22. Juni 1990. Der damalige Republikaner Chef Franz Schönhuber war eingeladen. Das Swutsch war eine Glaskuppel und draußen demonstrierten 500 wütende Bürger. So heftig, dass schließlich sogar eine Scheibe zu Bruch ging. „Wir alle hatten Angst“, erinnert sich Böttger. „Ich versteckte mich unter meinem Flügel.“ Noch heute spürt man Böttgers Erregung, wenn er die Geschichte berichtet. „Und dann machte Juliane Bartels etwas, wofür ich sie bis heute bewundere.“ Die Moderatorin ging nach draußen und stellte sich – während der Live-Sendung – dem aufgebrachten Mob. Es gelang ihr, die Demonstranten zu beruhigen, indem sie darauf hinwies, dass man Schönhuber eingeladen habe, um ihn zu entlarven. Nach der Sendung ging Böttger zu Bartels in die Garderobe und fand sie dort bleich und mit zittrigen Knien vor. Auch sie hatte Angst, es sich aber nicht anmerken lassen. „Es war für mich einer der bemerkenswertesten Augenblicke bei „3nach9“ und auch eine ganz besondere Erfahrung.“ Zudem war es eine der ersten „3nach9“-Sendungen Giovanni die Lorenzos, der das Format bis heute weiterhin moderiert.

Gerne erinnert sich der 64-Jährige an gemeinsame Spontan-Sessions mit Musikern, die in der Sendung zu Gast waren. Sting etwa war fasziniert von seinem Klavierspiel, Ute Lemper bat ihn um Unterstützung und nicht zuletzt Lang Lang, der als einer der besten Pianisten der Welt gilt, erbat Nachhilfe in Sachen Jazz. Eine Zeit lang besuchte Böttger den Chinesen einmal im Monat in Berlin, um ihm unterricht zu geben. Böttger könnte noch hunderte solcher Geschichten erzählen.

Aber wie gelingt es eigentlich, als Pianist im Hintergrund zum Gesicht der Sendung zu werden? „Es hat etwas mit Demut zu tun. Es geht darum, sich der Sendung unterzuordnen – egal was passiert.“ Die Rolle des Bar-Pianisten scheint dazu ausgezeichnet zu passen.
„Mir war es wichtig, dass Fernsehen dazu zu bekommen, Musik anzuerkennen. Das war meine Intention von Anfang an. Und ich glaube, dass wir es dadurch, dass sowohl die Anfangs- wie auch die Schlussmelodie noch immer mit einem Bezug zur Sendung live gespielt werden, auch ein Stück weit geschafft haben.“

Gottfried Böttger, der von Hamburg nach Bremen ging, um im Fernsehen Musik zu machen. Klingt fast nach einem fünften Stadtmusikanten.

Die „3nach9“-Jubiläumssendung am Freitag, 14. November ab 22 Uhr im NDR-/RB-Fernsehen mit Alfred Biolek, Campino, Kurt Krömer, Harald Glööckler, Johannes B. Kerner, Jan Delay, Henning Scherf, Max Raabe und natürlich Gottfried Böttger am Klavier. Die Sendung dauert anstatt wie gewohnt 120 dieses Mal 150 Minuten.

Text: Martin Märtens
Fotos: Frank Pusch

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