Zu Besuch bei Norddeutschlands letztem Böttcher.

Man muss nicht lange überlegen, was Alfred Krogemann von Berufswegen macht – wem das metallische Hämmern von weitem noch nichts sagte, dem wird spätestens auf dem Innenhof des Bremers ein Licht aufgehen. Fass neben Fass, mal riesengroß und oval, mal klein und rund, alt und neu, wohin das Auge blickt. Er ist Böttcher. Nur noch wenige können in Deutschland von diesem Handwerk leben – und das, obwohl Fässer heutzutage begehrt sind wie nie.

„Das hier ist unser Biest, die Maschine ist bestimmt zwei Tonnen schwer, an die 100 Jahre alt. Mit ihr werden die Ringe so eng auf die Fässer gedrückt, dass die Dauben absolut dichthalten.“ Alfred Krogemann steht in seiner Werkstatt in der Kap-Horn-Straße 14 im Bremer Industriehafen und blickt stolz auf das eiserne Ungetüm. „All unsere Geräte sind mindestens 50 Jahre alt – die halten, da geht nichts dran kaputt.“ Krogemann hat den Betrieb von seinem Vater übernommen und vermutet, dass es diesen bereits seit dem Mittelalter gibt.

Auffällig ist der rege Betrieb, der auf dem Hof der Fassfabrik herrscht: Lkw holen Fässer ab, Privat- und Geschäftskunden gehen auf dem Gelände ein und aus, das Telefon klingelt fast ununterbrochen. Gefertigt werden hier brandneue Fässer, vor allem aber werden die gebrauchten umgearbeitet – etwa zu Regentonnen, Pflanzkübeln, Stehtischen oder aber auch zu Bottichen für die Sauna. „Meistens werden Fässer nur einmal verwendet, danach geben sie nicht mehr genug Geschmack ab“, erklärt der Böttcher. Da seien beispielsweise die Fässer aus Frankreich, in denen der Barriquewein, also der Wein aus dem Eichenfass, gelagert wurde, aber auch Whiskeyfässer, in welchen der Bourbon teilweise über 50 Jahre lang sein typisch rauchiges Aroma entwickelte.

Weltweit fehlen 1 Million Fässer

„Ich bin der einzige Fassmacher in ganz Norddeutschland“, erzählt Alfred Krogemann. Gemeinsam mit seinen zwei Mitarbeitern, die ursprünglich das Tischlerhandwerk erlernt haben, bearbeitet er jährlich etwa 5.000 Fässer, viele davon verkauft der findige Bremer auf einer Online-Auktionsplattform. „Man muss sich ja was einfallen lassen“, lacht er. Nicht, dass er es nötig hätte: Weltweit, so schätzt er, fehlen über eine Million Fässer auf dem Markt. „Jahrelang herrschte ein enormer Preisdruck, als das Bourbon-Geschäft nicht lief. Viele Fassmacher waren davon betroffen und sind pleite gegangen.“ Seit einigen Jahren sei der Bourbon jedoch wieder in Mode, die ganzen alten Bestände wurden aufgekauft – „was nun jedoch fehlt sind die Fässer, in denen neuer Whiskey gelagert und alt werden kann.“

Etwa drei bis vier Prozent des Weines liegen weltweit in Fässern. Im Gegensatz zu Deutschland gibt es in Frankreich, vor allem in Bordeaux, noch unzählige Fassfabriken. Teilweise wird hier neueste Technik verwendet, so auch zum sogenannten Toasten der bauchigen Gefäße. Je nach Vorliebe des Winzers werden die Fässer länger oder kürzer getoastet, also von innen der Hitze von Feuer ausgesetzt – mit dem Ziel, die im Holz befindlichen Gerbstoffe in die verschiedensten Röstaromen umzuwandeln. „In Abhängigkeit von der Holzart entstehen Aromen wie Vanille oder Brombeere. Einige davon können wahrscheinlich nur sehr, sehr gute Winzer herausschmecken“, erklärt Krogemann. Er selber setzt aber lieber auf seine alten Maschinen, kosten doch neue Gerätschaften nicht selten so viel wie ein Einfamilienhaus.

Großauftrag im Ratskeller

Hochsaison ist in der Bremer Fassfabrik fast das ganze Jahr über. Werden zur milden Witterung vor allem Fässer für den Garten gewünscht, so müssen im Herbst die Winzer bedient werden. Im Winter ist dann Zeit für die Arbeiten, die liegengeblieben sind, wie etwa die für den Bremer Ratskeller: „Der Ratskellermeister bat uns vor einigen Jahren, die alten Fässer im Apostel-Keller auf undichte Stellen zu überprüfen und gegebenenfalls zu reparieren“, so Krogemann – das könne man nicht alles auf einmal machen, sonst sei man ein Jahr lang nur damit beschäftigt. Die über 100 Jahre alten und 250 Kilo schweren Fässer wurden leergepumpt und mithilfe der Feuerwehr zum Betrieb geschafft, wo sie komplett auseinandergenommen werden mussten.

Alfred Krogemann weiß um die Nachwuchsprobleme seiner Zunft, dennoch ist er der Überzeugung, dass das Handwerk niemals aussterben wird. Er ist mittlerweile 72 Jahre alt, wird den Beruf wie er sagt noch zwei bis drei Jahre ausüben. Was dann mit seiner Fassfabrik passiert weiß er noch nicht, doch eines ist klar: „Fässer werden gebraucht“. Und es wäre doch auch zu schade, wenn dieses traditionsreiche Handwerk aus Bremen uns somit ganz Norddeutschland verschwinden würde.

Text: Svenja Zitzer

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