Bremer Engel Teil 2: Die Suppenengel

 

Gemüse waschen, schnippeln und putzen – und das bereits ab 8 Uhr morgens: Der Arbeitstag der Suppenengel beginnt früh. Schließlich müssen bis mittags über 75 Liter Suppe in der Küche der St. Jakobi-Gemeinde Neustadt gekocht sein. Für die Ärmsten der Armen der Stadt, an vier Tagen in der Woche. Seit 1997 versorgen die Suppenengel Bedürftige und Obdachlose. Mittlerweile ist der gemeinnützige Verein sowohl für die Mittellosen als auch für die dort Beschäftigten nicht mehr wegdenkbar.

Von Sheila Schönbeck

Es ist viertel vor eins. Auf der Treppe vor der Suppenausgabe am Lloydhof herrscht reges Treiben. Etliche Bedürftige warten auf eine heiße Mahlzeit und ein warmes Plätzchen zum Aufwärmen. Der Lloydhof ist die Winterausgabe der Suppenengel. Von November bis April verteilen sie dort die Lebensmittel. In den anderen Monaten beliefern sie mit ihren Lastenfahrrädern vier Stationen zwischen Neustadt und Hauptbahnhof.

Als sich um 13 Uhr die Tür öffnet, kommen weitere Personen dazu. Schnell bilden sich drinnen zwei neue Schlangen. Die einen stehen für die heiße Gemüsesuppe an, deren Geruch bereits den gesamten Raum erfüllt. Eine andere Gruppe holt sich belegte Brote, Salat, Obst und Kuchen. Es geht geordnet zu, auch wenn mal ein gereiztes Wort fällt. Vordrängeln gibt es nicht. Alkohol ist strengstens verboten.

An der Suppenausgabe steht an diesem Tag Emin. Der 27-Jährige ist erst seit zwei Monaten dabei. Er füllt in Ruhe einen Teller nach dem anderen. „Den Stress und die Belastung darf man nicht an sich ran lassen. Man muss auch sehr hart bleiben“, so Emin, der das erste Mal Freude an einem Job hat und mit vollem Elan und viel Spaß bei der Sache ist.

Rund 90 Liter Suppe stehen heute bereit. Gekocht haben an diesem Mittwoch nicht die Suppenengel selbst, sondern Schüler von der Schule an der Delmestraße. „Sie kochen immer mittwochs für uns. Und dann ist es immer etwas mehr als sonst die 75 Liter, die wir zubereiten“, erzählt der Bremer. An diesem Tag ist die Suppe besonders heiß. Schon mehrmals hat sich Emin an den Plastiktellern die Hand verbrannt.

Da heute genügend da ist, kann sich auch ein Nachschlag geholt werden. Ansonsten wird darauf geachtet, dass zuerst jeder etwas abbekommt. „Hungrig geht hier niemand raus“, betont Gerhard Flechtner, mit neun Arbeitsjahren in der Einrichtung der dienstälteste Suppenengel. „Wenn es knapp wird, dann haben wir immer noch Würstchen und Kartoffelsalat.“ Eigentlich ist der Arbeitsplatz des 60-Jährigen in der Küche. Bei der Ausgabe ist er, um nach dem Rechten zu sehen. „Und die zufriedenen Gesichter. Das ist der Kick, den ich brauche. Zuerst geben wir uns Mühe und dann bekommen wir dafür etwas zurück“, sagt Flechtner, der selbst einmal auf der Straße gelebt hat. Heute hat er eine Festanstellung bei den Suppenengeln und möchte auch im Ruhestand ehrenamtlich weiterhin für den Verein tätig sein und für die Bedürftigen kochen.

Seit 1997 bekommen Obdachlose und Bedürftige in Bremen eine warme Suppe. Damals begann Zia Gabriele Hüttinger, mehrmals in der Woche Suppe für sie zu kochen und vor Ort bei ihnen zu verteilen. Dieses Angebot wird mittlerweile von über 200 Personen dankbar wahrgenommen. Aus dieser spontanen Idee entwickelte sich so über mehrere Jahre organisatorisch der Verein „Die Bremer Suppenengel e.V.“, dem in 2007 auch die Gemeinnützigkeit und Mildtätigkeit zuerkannt wurde.

Die Suppenengel sind nicht nur vier Mal in der Woche Spender für eine Mahlzeit. Sie geben Hilfe zur Selbsthilfe und informieren über Einrichtungen, in denen die Obdachlosen duschen, Wäsche waschen und übernachten können, geben Tipps bei Alkohol- und Drogenmissbrauch, beantworten Fragen zu Behördengängen, zur Wohnungssuche und medizinischer Nothilfe. In äußerst gravierenden Fällen legen sie auch selbst Hand an. So wie Emin kürzlich bei Norbert, den alle Mitarbeiter an diesem Tag für sein neues Erscheinungsbild loben. „Ich habe ihm die Haare und den Bart geschnitten, ihn gewaschen und neu eingekleidet. Jetzt sieht er ganz anders aus“, sagt Emin stolz.

Weihnachten muss für die Bedürftigen und Obdachlosen nicht ausfallen. Die Suppenengel organisieren am 17. Dezember eine Weihnachtsfeier. Mittags verteilen sie in Zusammenarbeit mit dem Reservistenverband Bremen auf dem Ansgarikirchhof Erbsensuppe aus einer Gulaschkanone. Anschließend erfolgt im Lloydhof die Bescherung. Im Vorfeld kann jeder auf einer Liste seinen Wunsch eintragen: Isomatte, Schlafsack oder neue Kleidung beispielsweise.

Der Verein lebt neben Lebensmittel- und Sachspenden auch von Geldspenden. Die Bereitschaft, zu helfen sei wunderbar, sagt Gerhard Flechtner. Das erlebt auch in diesen Monaten wieder Lothar Anders. Er ist seit fünf Jahren bei den Suppenengeln und der sogenannte Spendenbeauftragte des Vereins. Mit dem Lastenfahrrad steht er von Oktober bis Dezember montags bis sonnabends in der Sögestraße und bittet um Spenden. „Während der Weihnachtszeit im vergangenen Jahr haben wir so 2.500 Euro gesammelt“, sagt er zufrieden. Häufig kämen die Leute auf ihn zu und fragten, welche Sachspenden benötigt werden und wie sie größere Geldbeträge spenden könnten. „Wir sind auch unter den Touristen sehr bekannt. Einmal hat mich eine Schweizerin eine Stunde lang zu unserer Arbeit befragt. Sie war so begeistert und wollte etwas Ähnliches in ihrer Heimat aufziehen“, berichtet Lothar Anders.

Allmählich leeren sich die Suppenbehältnisse. Nun ist das Brot ausgegangen. Ein Helfer gesteht Gerhard Fechnter, er habe zu viel verteilt, da er zu gutmütig sei. Fechtner nimmt es zur Kenntnis und wird die Rationen entsprechend ändern. Die Ersten verlassen die Ausgabestelle. Viele halten noch einmal kurz bei Suppenverteiler Emin und bedanken sich. Um 14.30 Uhr schließt die Essenausgabe. Dann beginnen die Aufräumarbeiten. Gegen 16 Uhr ist dieser Arbeitstag auch für den letzten Suppenengel beendet. Der nächste Tag kann kommen.

 

Weitere Informationen: www.suppenengel.de