Die Rückraumspielerin Merle Heidergott spielt seit einem Jahr in der Damen-Handballmannschaft des SVW. Foto: Bremen-Magazin

 

Bei Heimspielen der Handballerinnen ist ihre Familie immer dabei auf der Tribüne der Klaus-Dieter-Fischer-Halle in der Östlichen Vorstadt. Mit Klatschpappen, Trommeln und Fangesängen treiben sie und über 300 weitere Sportbegeisterte die Bremer Mannschaft nach vorne – in 15 Heimspielen setzte es gerade einmal sechs Niederlagen. Besonders der furiose 36:28 Sieg gegen den Tabellenersten aus Neckarsulm bleibt in Erinnerung.

Von Thilko Gläßgen

Maßgeblich an der tollen Saison, die auf Platz 12 endete, war auch Merle Heidergott beteiligt. Auch wenn sie selbst das nicht gerne zugibt. Gebetsmühlenartig betont die 20-jährige das Kollektiv der Damenhandballmannschaft des SV Werder Bremen: „Wir haben uns immer gegenseitig gepusht – aufgeben und sich hängen lassen, sowas gibt es bei uns nicht.“ In der Halle spürt jeder genau das. Wirft Heidergott ein Tor springt sofort die ganze Ersatzbank auf und jubelt. Jede Parade der Torhüterin wird frenetisch bejubelt – auch von den Ersatztorhüterinnen. „Bei uns weiß jede Spielerin, dass sie wichtig ist.“ Ihr großes Talent bekam Heidergott von ihrer Mutter eingeimpft: „Als Baby hat mich meine Mama schon im Kinderwagen mit in die Halle genommen.“ Zwar spielte Mutter Mena nicht im Profibereich, doch ihr Training für die Mädels von SV Concordia Ihrhove brachte Merle mit Zwischenstation beim VfL Oldenburg zum SV Werder. In Oldenburg schnupperte Heidergott dann sogar einige Male Bundesligaluft, doch der ganze große Durchbruch blieb aus – folglich ging die Rückraum-Spielerin einen Schritt zurück in die zweite Bundesliga. Für Heidergott aber keinen Rückschritt, sondern Anlauf – denn mittelfristig möchten die Damen in die erste Bundesliga. Bei der Kaderzusammenstellung achtet Trainer Patrice Giron immer darauf möglichst junge Talente aus Bremen und umzu in die Mannschaft zu verpflichten.

Die gebürtige Leeranerin passte also perfekt ins Beuteschema, auch wenn sie ganz offen zugibt beim Männerfußball dem Hamburger SV die Daumen zu drücken. Besonders von Physiotherapeutin Alexander Sunder kamen da schon mal ein paar Sprüche, die Heidergott jedoch gewohnt locker wegsteckt. Selbst spielte sie bis zum 14. Lebensjahr auch noch Fußball. Doch mit dem Wechsel nach Oldenburg musste sie ihre zweite Leidenschaft aufgeben. „Als ich im Fußball nicht mehr mit den Jungs spielen durfte, war klar, dass ich mich für Handball entscheide.“ Bis heute bereut die flexible Rückraum-Spielerin die Entscheidung nicht. „Über das viele Geld im Fußball darf man als Handballerin nicht so nachdenken.“ Etwas mehr Komfort würden die Werder Damen trotzdem nehmen. Fast alle ihrer Auswärtsspiele sind im Süden oder Osten Deutschlands. Oft geht es daher mit dem Bus schon in aller Frühe los. Als einziges norddeutsches Team ein kleines Handicap, doch dafür hat Werder Bremen mit der Klaus-Dieter-Fischer-Halle ein echtes Schmuckkästchen als Heimspielort. „Im Vergleich zum Anfang der Saison kamen zu den letzten Heimspielen immer mehr Zuschauer.“ Wenn es nach Merle Heidergott geht, kann das auch ruhig so bleiben, denn mit dem Andrang steige auch der Respekt der Gastmannschaften.

 

Die Nummer 3 überzeugt durch ihre Dynamik und Abschlussstärke. Foto: Oliver Baumgart

Die Nummer 3 überzeugt durch ihre Dynamik und Abschlussstärke. Foto: Oliver Baumgart

Seit Anfang des Juni wohnt Heidergott nun auch in Bremen. Vorher ist sie mit zwei Mannschaftskolleginnen immer aus Oldenburg gependelt: „Wenn wir nach einem Sieg mit der Mannschaft feiern gehen wollten, habe ich immer dreimal nachgedacht, ob ich mitgehe.” Nun kann sie sogar mit dem Fahrrad zum Training radeln. Endlich – wie die Shooterin mit dem berüchtigten Knallerwurf betont: „Nach einem Jahr pendeln, freue ich mich näher bei der Mannschaft zu sein.“ In Oldenburg besuchte sie bis vor kurzem noch die Schule für Ernährungslehre, was ihr besonders in ihrem neuen Job bei einer Krankenkasse helfen soll. Doch auch im Alltag kommt ihr das Wissen zu gute: „Alkohol trinke ich in der Vorbereitung sowieso gar nicht und gesundes Essen ist für Sportler einfach wichtig.“ Auf dem Feld kommt der nimmermüden Nummer drei das entgegen: „Ohne Kondition übersteht niemand die 60 Minuten.“ Ausruhen wie im Fußball geht im schnellen Sport Handball schließlich gar nicht.