Tonmeisterin Renate Wolter-Seevers hat einen Grammy gewonnen

Es ist die begehrteste Auszeichnung in der Musikbranche – der Grammy. Bei der diesjährigen Verleihung zählte auch eine Bremerin zu den Gewinnern des goldenen Grammophons: Renate Wolter-Seevers, Tonmeisterin bei Radio Bremen, erhielt die Trophäe für die Produktion der weltbesten Opernaufnahme des Jahres.

Bereits drei mal waren Opernproduktionen von Renate Wolter-Seevers und dem Boston Early Music Festival für den Grammy nominiert. Jedes Mal war die Produzentin in Los Angeles bei der Verleihung und flog dann ohne Grammophon in der Tasche wieder zurück nach Bremen. Beim vierten Mal nun war alles anders. Allein die Nominierung der Kammeroper „La Descente D’Orphée Aux Enfers“ („Der Abstieg des Orpheus in die Unterwelt“) von M. A. Charpentier sei eine totale Überraschung gewesen, da sie mit rund 25 Musikern relativ klein besetzt sei, so die 55-Jährige. Zudem seien die anderen Nominierten eine harte Konkurrenz gewesen. „Ich habe es da dieses Mal ganz gelassen gesehen mit der Nominierung.“

Feiern in Brasilien

Und so flog Renate Wolter-Seevers in diesem Jahr nicht nach Los Angeles sondern nach Brasilien, wo sie ihren Sohn, einen Musiker, bei seiner Gastfamilie besuchte. „Als ich die Nachricht erhielt, saß ich gerade in einem Telefonshop. Meine Tochter rief mich an. Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch gar nicht an die Grammys gedacht. Es war viel zu früh dafür. Normalerweise steht die Klassik immer am Ende der Verleihung. Stattdessen fragte ich – typisch Mutter – was ist passiert?“, erinnert sich die Bremerin. Was dann folgte war eine „sehr andere Grammy-Party“.

Gemeinsam mit der musikalischen Gastfamilie und anderen Musikern feierte sie spontan bei viel Jazz- und Samba-Rhythmen ihre Auszeichnung. Wobei ein klein wenig Wehmut bleibt: „Die Gewinner dürfen die Rolltreppe nach oben nehmen, wo die große Party mit den Stars steigt. Dieser Zugang blieb mir ja bisher verwehrt. Ich hätte schon gern gewusst, was da oben abgeht“.

Dafür war der Empfang in der Hansestadt umso herzlicher. Am Flughafen empfingen sie ihre Kollegen der Musikabteilung feierlich mit Transparenten und Gesang, „völlig überraschend“ für die übermüdete Heimkehrerin. Es folgten Gratulationen von ehemaligen Mitschülern und Kommilitonen aus ganz Deutschland. Bremen Vier berichtete mehrfach über sie. Und der Intendant von Radio Bremen gratulierte ihr schriftlich.

Für die Tonmeisterin selbst ist der Grammy eine persönliche Auszeichnung. „Eine Bestätigung meiner Arbeit“, sagt sie. Ändern werde sich für sie aber nichts, ihr hoher Anspruch bleibe. „Perfekt spielen können alle professionellen Musiker. Ich hole das Natürlichste aus den Musikern heraus, bis die Chemie zwischen ihnen stimmt und sie sich von der Kopfarbeit befreien“, erklärt die Aufnahmeleiterin, die seit über 30 Jahren bei Radio Bremen arbeitet. Für sie ist das Wichtigste, dass die Musiker nach der Produktion zu ihr kommen und ihre Arbeit loben.

Preis kommt per Post

Wirklich greifbar ist der große Erfolg für die Produzentin noch nicht. Denn, bisher hat sie das goldene Grammophon noch nicht in den Händen halten können. Bis es soweit ist, muss sie sich noch etwas gedulden. Im Frühjahr erst schickt die Academy ihr die Trophäe per Post zu.

Dieser Grammy – der zweite überhaupt für einen deutschen Tonmeister – ist in diesem Jahr auch der einzige von den 83 verliehenen, der nach Deutschland geht. Und er ist gleich in doppelter Hinsicht eine Auszeichnung für die Hansestadt. Nicht nur das eine Bremerin ihn erhalten hat, die weltbeste Oper wurde im Juli 2013 auch im altehrwürdigen und mittlerweile denkmalgeschützten Sendesaal Bremen aufgenommen. „Das Besondere an diesem Saal: Er strahlt einerseits Wärme und andererseits Klarheit aus. Die Akustik ist einmalig. Er ist komplett außenschallfrei“, schwärmt Renate Wolter-Seevers, die für den Erhalt des Saals gekämpft hat und heute im Vorstand des betreibenden Vereins Freunde des Sendesaales ist.

Ein Einsatz, der sich auszahlt: Im Jahr finden dort mehr als 100 Konzerte statt, an den anderen Tagen werden Aufnahmen produziert. Bei den Musikern ist der Saal mit seinen 270 Sitzplätzen, der in erster Linie für Aufnahmen gebaut worden ist, sehr beliebt. Dort könnte auch die nächste Grammy prämierte Opernproduktion des Bostoner Orchesters und der Bremerin entstanden sein. Im Januar erschien ihre Aufnahme „Noibe“, eine Barockoper von Agostino Steffani, die zur Zeit zahlreiche Preise abräumt.

Die Nominierungen für die 58. Grammy Verleihung im nächsten Jahr werden im Dezember bekannt gegeben. Ob Renate Wolter-Seevers wieder darunter ist, sie vermag Sie nicht vorherzusagen. Sollte es so sein, wird sie auf jeden Fall in Los Angeles wieder dabei sein. Und vielleicht feiert die Bremer Tonmeisterin dann mit den Stars ihren zweiten Grammy.

Text: Sheila Schönbeck
Foto: Sigrun Strangmann

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