• 30. September 2016
  • Musik

Patrice über sein neues Album, die Zusammenarbeit mit Cody ChessnuTT und das Leben als Weltenbummler.

Am 3. September laden das Funkhaus Europa und der Schlachthof Bremen zur jährlichen Big Up-Party ein. Bevor die Global-Pop-Party mit vier DJs startet, gibt es ein besonderes Highlight. Der Reggae-Superstar Patrice tritt auf die Bühne und präsentiert unter anderem Songs aus seinem neuen Album „Life´s Blood“ das am 30. September veröffentlicht wird. Das Bremen Magazin hat ein Interview mit dem Sänger, Songwriter und Produzenten geführt. Punkt 12 Uhr klingelt das Telefon. Am Hörer ist ein gut gelaunter Patrice, der sich zu dem Zeitpunkt in Berlin aufhält. Hörbar entspannt, nimmt er sich Zeit für unsere Fragen. Wir kommen ins Plaudern. Das Interview, das eigentlich auf zehn Minuten angesetzt war, dauert mehr als doppelt so lange.

01. Am 3. September spielst du in Bremen auf der Funkhaus Europa Party. Dort spielst du deine neuen Songs erstmals vor Publikum. Inwiefern ist so eine Premiere für dich etwas Besonderes?

Kommt drauf an. Ich habe jetzt auf den letzten Festivals auch schon so fünf neue Songs gespielt. Aber es kommen noch so ein paar dazu, die es bisher live noch nicht gab. Also die Reaktion des Publikums beeinflusst mich schon in der Art und Weise wie ich mein Konzert gestalte, aber nicht was das Album angeht. Dafür ist es eh zu spät, das Album ist ja fertig. (lacht)

02. Dein neues Album erscheint am 30. September. Bei deinem letzten Album schrieb die Presse, du habest zu deinen Reggae-Wurzeln zurück gefunden. Wie würdest du dein neues Album „Life´s Blood“ beschreiben und was würdest du wollen, das die Presse drüber schreibt?

Dass ich zu meinen Reggae-Wurzeln zurück gefunden habe. (lacht) Ganz ehrlich. Ich zitiere Eminem: „I am what ever you say I am“. Das Ding ist, ich habe da überhaupt keinen Einfluss drauf, was andere Leute über mein Album schreiben. Es sagt meistens mehr über die Leute aus als über mich, wie sie mich sehen. Weil ich bin nicht so einzuordnen, in diese Kategorien. Das kann man machen, aber das geht eigentlich nicht. Meine Musik ist Zukunftsmusik. Es ist Musik, die sich einfach zusammensetzt aus dem was ich gerne mag. Musikalisch und kulturell. Meine Musik ist Ausdruck meiner Kultur.  Wenn ich das neue Album jetzt beschreiben müsste, hat es natürlich stilistisch was mit Reggae zu tun und auch mit Singer-, Songwriter-Musik, weil ich so musikalisch sozialisiert wurde. Aber letztendlich reflektiere ich immer die Zeit, in der ich gerade bin und das, was ich selber gut finde. Das hat damit zu tun, dass wenn man Künstler ist und auch Produzent, man sich eh am Puls befindet und, ob man will oder nicht, beeinflusst wird von der Zeit.

03. In deinen Songs dreht es sich nicht um die heile Welt. Du singst über hemen wie Drogenkonsum und Teenage-Pregnancy. In „Imagining“ thematisierst du den Terroranschlag im Bataclan, das nur wenige hundert Meter von deiner Pariser Wohnung liegt. Findest du, dass Musiker heute zu unpolitisch und unkritisch sind?

(holt Luft) Ich kann nie für andere sprechen. Ich kann nur sagen, dass ich über das schreibe, was mir nahe geht oder was ich sehe und mich inspiriert. Sich Dinge vorzustellen, ist der erste Schritt in Richtung kreieren. Und ich versuche jedem Lied dem Impuls zu geben, dass wir uns was Neues vorstellen, und dass es vielleicht besser funktioniert für alle und nicht nur für so ein paar Leute. Ich kann nicht für andere reden. Ich weiß nicht, ob die Menschen politischer sein müssen. Ich glaube nicht. Ich glaube, es ist auch total wichtig, dass Künstler einfach nur Musik ohne große Message machen. Musik über die man nicht groß nachdenken muss. Manchmal will man einfach nur in einen Club gehen und Spaß haben. Ich finde es wichtig, dass sich Leute auftanken und unbeschwert Musik hören. Und das ist auch völlig cool und ich will auch diese Art von Musik machen. Aber bei „Imagining“ kam es mir halt so… Ich interpretiere mich ja auch selbst. Es ist nicht so, dass ich mit einem klaren Konzept in einen Song gehe. Oft schreibt sich der Song selbst und ich folge einfach nur. Das ist dann gar kein bewusster Prozess.

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04. Wenn du einen Song schreibst, wie entsteht der? Hast du eine Melodie im Kopf, ein hema, eine Textzeile?

Es ist oft unterschiedlich, aber es ist richtig, manchmal habe ich eine Melodie oder einen Satz, der erstmal keinen Sinn macht. Ich schaffe dann einen Kontext für diesen Satz, so dass er ein bisschen mehr Sinn macht. Aber häufig sind die tollsten Songs die, die gar nicht unbedingt Sinn machen, sondern in dem jeder einen anderen Sinn findet. Ich bin da auch teilweise nur Zuhörer.

05. Du lebst in New York, Paris und Köln. In London hast du ein Studio mit Alan Nglish, in Köln nimmst du am liebsten Drums auf, Chöre und Hörner in Jamaica und den Gesang in deiner Wohnung in Brooklyn. Das klingt sehr nach Weltenbummler. Wie definierst du für dich den Begrif Heimat?

Ich habe keine Heimat und ich vermisse das auch nicht. Ich finde es völlig okay, keine zu haben. Heimat ist für mich etwas, was sich in Bewegung befindet und nicht feststeht. Das kann für einen Moment hier sein oder dort sein. Für mich ist das nichts Starres.

06. Du schreibst Songs nicht nur für dich, sondern auch für andere Künstler. Unter anderem hast du ein Album von Cody ChesnuTT produziert. Wie ist es mit einem Künstler zu arbeiten, von dem du selbst sagst, dass seine Werke dich in deinem Schafen beeinlussen?

Das war ein Traum. Wirklich. Ich bin nicht der Typ, der auf Dinge zugeht. Die kommen entweder oder halt nicht. Aber da war es echt so: Cody ChesnuTT war in Köln und ich meinte noch ein paar Monate vorher zu meinem damaligen Produktionspartner, dass man eigentlich Cody ChessnuTT ausgraben müsste und wir ein Album mit ihm machen müssen. Er ist der Krasseste. Dann kam dieser Anruf: „Hey bei uns (Cody ChesnuTT, Anmerkung der Redaktion) ist die Kickdrum kaputt, können wir eine bei euch ausleihen?“ Ich habe dann gleich gesagt, dass ich die persönlich vorbeibringe. (lacht) Dann habe ich die eingepackt und bin dahin gefahren. Wir wurden einander vorgestellt. Cody hatte gerade was Neues rausgebracht. Eine EP oder so. Und er hat mich gefragt, was ich davon halte. Ich habe dann ganz ehrlich meine Meinung gesagt, dass ich denke, man könnte das besser machen. Wir kamen dann ins Gespräch. Dann ist es zu einer Zusammenarbeit gekommen. Das war mega. Natürlich war es so, dass ich wieder so ein kaputtes und krankes Album mit ihm machen wollte wie „The Headphone Masterpeace“, aber er wollte das nicht. Er wollte ein relativ perfektes Album machen. Und ich habe ihn dann dazu befähigt, dass er sein Vision ausleben kann. Cody ist ein unglaubliches Genie. Der kann alles selber spielen und zwar richtig krass. Schlagzeug, Piano – alles. Er ist ein sehr guter Freund von mir geworden.

07. Blicken wir kurz in die Zukunt. Steht der Zukunts-Patrice weiterhin auf der Bühne oder ist er lieber Songwriter und Produzent für andere Künstler?

Das ist schwer zu sagen. Je nachdem – da wo die Inspiration hin fließt. Ganz ehrlich, was toll ist an meinem Job ist, dass er so viele Facetten hat. Man kann live spielen, man kann im Studio sein und Musik für andere machen. Ich habe wirklich die Möglichkeit, mich auszuleben und was zu ändern, wenn mich eine Sache langweilt. Wenn ich viel im Studio war, freue ich mich natürlich wieder live zu spielen und umgekehrt.