Redakteur (links) und George (rechts) freuen sich auf das indische Curry. Foto: Bremen Magazin

Die Franzosen zelebrieren es. Die Engländer schämen sich ein wenig dafür. Die Italiener meinen, sie wären die besten in diesem Bereich. In Singapur kann man es zu jeder Tages- und Nachtzeit machen und die Bremer laden dafür seit neuestem völlig fremde Menschen zu sich nach Hause ein. Wir reden natürlich vom Essen.

Von Dirk Brunne

Gemeinsam ein Mahl zu sich zu nehmen, hat in jeder Kultur einen hohen Stellenwert. Geht dies mit einer Einladung ins private Heim des Gastgebers einher, ist das überall auf der Welt etwas Besonderes. Genau dort knüpft die Idee der Initiative „Welcome Dinner Bremen“ an. Sie bringt alte und neue Bremer zusammen. Alteingesessene Stadtbewohner laden ihre neuen, zugewanderten oder geflüchteten Mitmenschen zum Essen zu sich nach Hause ein.

So ungefähr lauteten die ersten Sätze der Pressemeldung, die ich im Juni las. Ebenso stand dort, dass man sich als Gastgeber oder Gast ganz einfach auf der angegebenen Webseite anmelden könne und dann ein Kontakt vermittelt werden würde. Begeistert von der Idee wollte ich das ausprobieren. Browser geöffnet, Adresse eingegeben, zwei Klicks und das Formular ausgefüllt. Noch einmal auf „absenden“ geklickt und abwarten was passiert.

Als gebürtiger Bremer habe ich mich selbstverständlich als Gastgeber eingetragen. Den Termin und die Anzahl der Gäste konnte ich selbst bestimmen. Naja, um ganz ehrlich zu sein, habe ich das natürlich vorher mit meiner Frau besprochen. So viel Weitsicht sollte dann schon vorhanden sein.

Einige Tage später erhielt ich eine E-Mail von Katharina Busch vom Welcome-Dinner-Team. Sie hatten einen Gast für mich. George, 23 Jahre alt, Syrer. Prima. Ich erhielt Georges Kontaktdaten und rief sogleich an. Da zu diesem Zeitpunkt Ramadan war, wollte ich zunächst wissen, wann wir denn essen könnten – Sonnenuntergang ist im Sommer ja recht spät. Die überraschende Antwort von George: „Ich bin Christ. Ist also kein Problem“. Einzige Einschränkung: George lebt vegan. Meine Frau und ich nicht. Aber da kann man sich anpassen.

Wir machten einen Termin aus und eine Woche später saß der junge Syrer an unserem Esstisch. Es gab veganes Curry mit viel Gemüse und Reis. Lecker. Während des Essens unterhielten wir uns über Bremen und die Eigenarten der Norddeutschen, über die Deutsche Sprache, die George unglaublich gut beherrscht. Er berichtete, wie er aus Syrien geflohen ist und über seine drei Jahre, die er schon in Bremen lebt. George erzählte, dass er gerne Germanistik studieren möchte, weil er die Sprache so faszinierend findet, und dass es manchmal schwierig ist, weil Teile seiner Familie noch in Syrien wohnen. Deshalb sei es gut, dass es Skype gibt. Denn so kann er – in den wenigen Stunden, in denen es in Syrien Strom gibt – mit seiner Schwester reden. Seine Eltern sind seit einigen Monaten in Kanada. Dorthin möchte George vorerst nicht, denn er hat in den vergangenen drei Jahren viele Sprachkurse belegt und geht gerade auf eine Schule, um noch besser Deutsch zu lernen. „In Kanada müsste ich wieder von Null anfangen. Neues Land, neue Sprache. Das ist nicht einfach“, berichtet der 23-jährige. Wenn alles gut geht, kann er bald mit dem Studium beginnen.

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Mittlerweile sind wir vom Esstisch auf das Sofa umgezogen. Es läuft der Fernseher. Italien spielt gegen Spanien. Fußball ist mindestens genauso international und kulturübergreifend wie Essen. George stellt viele Fragen, die nicht immer so einfach zu beantworten sind. Ein Beispiel: „Was bedeutet das Wort ´ziemlich´. Warum sagt man: ´Das ist ziemlich schwer´? Und wo ist der Unterschied zu: ´Das ist relativ schwer´?“ Gute Frage. Da muss auch der Journalist erstmal überlegen. Wir konnten das aber noch klären.

Das Ganze ist einige Wochen her. Mittlerweile war George ein weiteres Mal bei uns zu Besuch. Ich habe ihm bei seinem Umzug geholfen und wir werden uns sicherlich wieder treffen. Da fällt mir ein: Ich sollte mich mal wieder bei ihm melden, denn eigentlich könnte er mal wieder zum Essen vorbeikommen und diesmal etwas für uns kochen. Die Syrische Küche hat da einiges zu bieten.

Das Team vom Welcome Dinner schreibt: Egal, ob Bremer Urgestein oder neu in der Stadt – Welcome Dinner gibt allen die Gelegenheit, sich bei einem gemeinsamen Essen kennenzulernen, sich auszutauschen und (Ess-)Kulturen zu teilen. „Dieser Austausch ist es, den wir anregen möchten, für ein Aufeinanderzugehen in unserem bunten Bremen.“, sagt die Initiative, die nach Vorbild anderer Gruppen in Deutschland und Europa das Projekt in Bremen umsetzt. In den vergangenen Monaten und Jahren sind viele Menschen nach Bremen gekommen und die Stadt wird dadurch immer vielfältiger. Welcome Dinner heißt diese Menschen in Bremen willkommen und lädt Gastgebende und Gäste ein mitzumachen.

Wer sich für die Idee des Welcome Dinners interessiert, findet alle Informationen unter: www.welcome-dinner-bremen.de