Punkt 12 Uhr klingelt das Telefon. Am anderen Ende ist Serdar Somuncu. Der Satiriker, Kabarettist, Schauspieler und Musiker befindet sich gerade in seiner Heimatstadt Köln. Wir kommen sofort ins Plaudern; reden über Bremen, wo er einige Jahre gewohnt und sich sehr wohl gefühlt hat. „Ich war sehr glücklich in Bremen“, sagt er und fügt an: „Euer Fußballverein wird ja gerade auch immer besser“. Wir fachsimpeln einige Minuten über Werder. Dann müssen wir uns ein bisschen beeilen, denn für den Gladbach-Fan, der gerade von „Die Partei“ zum Kanzlerkandidaten ernannt wurde, steht schon das nächste Interview an.

 

Was ist deine erste Amtshandlung nach der gewonnen Bundestagswahl im kommenden Jahr?

Gute Frage. Ich ernenne Oliver Polak zum Holocaustminister.

 

Brauchen wir einen Holocaustminister?

Wäre kein schlechtes Amt. Die Aufarbeitung des Holocaust ist nach wie vor eine wichtige Aufgabe und auch gerade im Hinblick auf Dinge, die sonst überall auf der Welt passieren, wäre das doch eine Vorbildfunktion.

 

Hast du eigentlich schon einmal ernsthaft in Erwägung gezogen, in die Politik zu gehen?

Nein

 

Warum nicht?

Weil ich die Bindung an Räson und Partei einfach als viel zu anstrengend finde. Und das ist ja auch das Lustige und das Außergewöhnliche an dieser Idee, dass Martin Sonneborn das voll und ganz trägt, dass ich da als Fremdkörper in dieses Ding rein komme und mich auch so gewähren lässt wie ich das möchte.

 

Du bist gerade mit deinem neuen Programm auf Tour…

Nein, das ist noch das alte, beziehungsweise die Fortsetzung des alten, das jetzt ja zu Ende geht. Die Tour ist die letzte Tour mit dem Programm Hassprediger. Danach ist erstmal vorbei.

 

Dann bin ich ja vollkommen falsch informiert.

Nee, nee. Das ist schon richtig. Es ist immer sozusagen ein Update. Das Programm wird jedes Jahr aktualisiert. Ich spiele auch jeden Abend anders auf der Bühne. Das ist ja improvisiert was ich mache, deswegen gibt es eigentlich gar kein Programm. Es gibt mich an dem Abend auf der Bühne unter einem Oberbegriff und der ist Hassprediger.

 

Also stimmt es tatsächlich, dass große Teile deiner Auftritte improvisiert sind?

Ja.

 

Wie funktioniert das?

Auf die Bühne gehen – sprechen. So wie jetzt in diesem Telefonat auch.

 

Hast du nie eine Situation gehabt, wo du dachtest: „Scheiße, wie geht es weiter“?

Ja, es gibt schon Fallstricke. Man muss natürlich aufpassen, dass man, gerade wenn man über politische Dinge spricht, integer bleibt. Man kann nicht einfach ins Blaue hineinsprechen und Dinge sagen, ohne darüber nachgedacht zu haben. Aber meine Arbeit ist nicht auf der Bühne, wenn ich spreche, sondern bevor ich auf die Bühne gehe. Und da muss ich einfach einen Durchblick, eine Übersicht haben über die Themen, die mich interessieren und die Positionen auch kennen, die ich dazu einnehme. Und wenn das mal firm ist, kann ich auch auf die Bühne gehen, ohne Angst davor zu haben, dass ich mich verplappere oder Dinge sage, die ich nachher bereue. Denn letztendlich ist die Frage, die du stellst ja die nach der Angst.

 

Ja, genau.

Kann man versagen, wenn man auf der Bühne steht und improvisiert? Und die Antwort ist: Ja, wenn man keinen Unterbau hat, wenn man keine Substanz hat und einfach auf die Bühne geht, um auf der Bühne zu stehen. Dann ist die Gefahr recht groß, dass man versagt. (lacht) Aber wenn man die Arbeit leistet, die erforderlich ist, um überhaupt erst auf die Bühne gehen zu dürfen, nämlich eine Haltung zu haben, Kenntnis von Dingen zu haben, ein politisches Bewusstsein zu haben, dann ist die Bühne eigentlich nur eine Fortsetzung dieser Auseinandersetzung – sichtbar vor Zuschauern.

 

Was erwartet die Besucher in deinem Programm? Sollten sie überhaupt Erwartungen haben?

Natürlich nicht. Das ist ja klar. Das ist ja evident. Wenn ich vor Zuschauern spiele, die eine Erwartung an mich haben, dann kann ich nur versagen. Bei 1.500 Zuschauern gibt es erstmal keine einheitlichen Erwartungen. Und zweitens: Was soll das sein? Was sollen die erwarten? Dass es lustig wird? Dass es ernst wird? Dass ich über Frauke Petry spreche? Dass ich Fick-Witze mache? Ein Potpourri an Erwartungen, die ich nie erfüllen könnte. Deswegen: Am besten ist es, man ist offen, man lässt sich darauf ein. Man muss sich ja nicht ausschalten, wenn man da sitzt, man kann das auch gerne schlecht finden. Aber erst, wenn man sich darauf eingelassen hat, kann man sich eine Meinung dazu machen. Und so ist es auch bei mir. Wenn ich eine Erwartung an Bremen stelle, würde ich nicht nach Bremen fahren. Nicht weil ich Bremen nicht mag, sondern weil ich am 2. Dezember lieber zu Hause in meiner Wohnung sitze. Es gibt also irgendwas was mich veranlasst nach Bremen zu fahren und das ist Neugier. Und ich würde Erwartung unbedingt durch Neugier ersetzen.

 

Du hast einmal gesagt, dass du gefälliges Kabarett hasst. Du bist alles andere als gefällig. Muss Kabarett provozieren, um gut zu sein?

Nein. Kabarett muss nicht provozieren, aber darf und kann provozieren. Und wann es provoziert ist wiederum eine Frage, die der Kabarettist nicht beantworten kann, weil er sein Gegenüber nicht kennt. Es gibt so viele Dinge, die Menschen provozieren. Ich habe zum Beispiel eine Radiosendung auf Radio Eins. Das scheinen sehr viele Frauen zwischen 40 und 50 zu hören, die ein Augenmerk auf Sexismus legen. Sobald ich irgendwas sage, und sei es nur „Angela Merkel hat eine schöne Oberweite“, dann sind die provoziert. Obwohl das in meinen Sprachgebrauch harmlos ist. So ist es mit allen anderen Provokationen auch. Es gibt eine bewusste Provokation, die ein Künstler wählt, um sein Publikum auf etwas aufmerksam zu machen, aber es gibt keine berechenbare Provokation.

 

Auf der Bühne sagst du: „Jede Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung“. Bei deinen Auftritten kriegt jede Gruppe ihr Fett weg. Von welcher Seite wirst du meisten angefeindet?

Von allen. Es gibt da erstaunliche Ausschläge. Ich hätte zum Beispiel nie erwartet, dass Veganer so militant reagieren. In der Tat waren die Briefe, die ich von Veganern erhalten habe, auf einen Sketch, den ich bei Stefan Raab gespielt habe, einige der aggressivsten, die ich bisher gelesen habe. Es wechselt aber. Es gab eine Phase – das hängt auch immer von den tagespolitischen Diskussionen ab – in der die AFD zum Beispiel sehr übergriffig war. Das ist nach wie vor so. Die AFD ist ja auch eine Internetpartei und beherrscht die diversen Kanäle im Internet, die man beherrschen muss, um auch Meinung zu steuern. Und wenn man in irgendeiner Form auftritt und etwas gegen die AFD sagt, dann erntet man sofort einen massiven und auch dauerhaften Shitstorm. Die sind da sehr hartnäckig. Mittlerweile haben die Türken aber aufgeholt. Das was da in den letzten Monaten passiert ist, mit Böhmermann, mit Erdogan, das war schon vergleichsweise schlimm, wie das was ich erlebt habe, als ich damals aus Hitlers „Mein Kampf“ gelesen habe. Wüste Beschimpfungen, Drohungen. Ich musste das erste Mal seit Jahren wieder unter Polizeischutz lesen. Das ist alles nicht angenehm, aber es ist auch nicht berechenbar. Man kann da keine Statistik machen. Jeder, der sich angesprochen fühlt, reagiert da auf seine Art und Weise auf das was ich mache. Die meisten übrigens aggressiv, das ist das erstaunliche. Was mich frustriert, dass niemand den anderen in Schutz nimmt. Also, dass selten Türken sagen: „Du machst mir zu viele Schwulenwitze“ und Veganer auch ganz selten sagen: „Hör bitte auf mit den Türkenwitzen“. Und das ist ja auch Sinn und Zweck des Programms, dass man ein bisschen aufdeckt, dass wir in einer Gesellschaft leben, die sehr affektgesteuert ist und sehr unsolidarisch handelt.

 

 

Stichwort AFD: Die AFD kommt in Mecklenburg-Vorpommern auf über 20 Prozent. Wenn man sich soziale Netzwerke anschaut, scheint Ausländerfeindlichkeit mehr und mehr salonfähig zu werden und in den USA will Donald Trump Präsident werden. Macht dir diese Entwicklung Angst?

Angst würde ich jetzt nicht unbedingt sagen. Ich mache mir eher Sorgen. Man muss das ein bisschen relativieren. Donald Trump ist ja noch nicht gewählt. Punkt eins. Er ist ein Kandidat, der tatsächlich eine neue Qualität von Extremen aufweist, die man so bisher nicht kannte. Ein Kandidat der sich auf eine Bühne stellt und offen Leute diskriminiert, offen und auch aggressiv seine Gegner angreift, das gab es so noch nicht. Und das ist für mich auch ein Niedergang der politischen Kultur in den USA. Das ist definitiv ein Verfall einer bisher auf hohem Niveau stattfindenden Auseinandersetzungskultur, dass man dazu zurück geht und sagt, je drastischer wir sind, desto größer sind die Wahrscheinlichkeiten, dass wir damit Leute auch erreichen. Leider. Das andere ist, um es zu relativieren: In Mecklenburg-Vorpommern gab es immer einen sehr hohen Anteil von Rechtswählern. Es gab bei der vorvorletzten Landtagswahl 35,9 Prozent NPD-Wähler in Anklamm. Und da ist die Frage: Ist es jetzt gut, dass die NPD-Wähler in ein vermeidlich bürgerliches Lager wechseln und die AFD wählen oder ist für die AFD eher ein Makel, dass sich NPD-Wähler in ihr wohlfühlen. Da muss man eine dezidierte Auseinandersetzung – vor allem auch mit der AFD – drüber führen, die das ja weit von sich weist. Aus, wie ich finde, sehr profanen Gründen und auch ohne es differenziert zu widerlegen. Wenn man heute mit Frauke Petry spricht und sagt, warum will sie eigentlich, dass der Begriff „völkisch“ wieder positiv besetzt wird, dann kann man damit eine Argumentationskette aufmachen, die zu einem sehr fruchtbaren Diskurs über die wahren Ziele und Absichten der AFD führen könnten. Das machen wir aber nicht. Es gibt in der breiten Bevölkerung im Moment in der Mitte der Gesellschaft eine große Hemmung mit der AFD in derselben aggressiven Art und Weise umzugehen, wie sie mit der Mitte der Gesellschaft versucht umzugehen. Mir macht das Sorge, weil ich finde, dass unser Dialog im Moment sehr gestört ist, er ist sehr befangen, er ist sehr behaftet von Angst und solange sich das so weiter entwickelt wie zum Beispiel auch in Österreich, der Schweiz, in Holland, in Dänemark sind wir weit davon entfernt aufgeschlossene Debatten darüber zu führen, in welchem System und in welcher Konstitution wir uns eigentlich am wohlsten fühlen in diesem Land, das ja komplett von Diversifikation geprägt ist. Wir können ja nicht mehr zurück an einen Punkt, den wir vor Hundert Jahren hatten, in der Weimarer Republik wo Deutsche Deutsche waren und Leute aus dem Kongo im Kongo gelebt haben. Die Welt vermischt sich und unsere Antworten darauf dürfen bei weitem nicht so einfach sein, wie sich das Parteien wie die AFD oder die FPÖ in Österreich machen.