Katja Riemann liest beim Sommer in Lesmona“ aus dem gleichnamigen Roman

Geboren und aufgewachsen in Kirchweyhe, hat es Katja Riemann geschafft, eine der bedeutendsten Schauspielerinnen des Landes zu werden. Bekannt wurde sie 1985 durch die Verfilmung des Briefromans „Sommer in Lesmona“. Seit 1994 findet unter dem gleichen Namen ein alljährliches Klassik Open-Air statt, bei dem Katja Riemann in diesem Jahr erstmals Auszüge aus dem Roman liest. Im Interview spricht die 50-Jährige darüber, wie sie ihre erste Rolle bekam, ihre Kindheit in Kirchweyhe und warum sie Schauspielerin und nicht Tänzerin geworden ist.

01/ Erinnern Sie sich noch daran, wie Sie sich fühlten, als Sie 1985 die Rolle der Marga Lürmann in „Sommer in Lesmona“ bekamen?

Katja Riemann: Und wie ich mich daran erinnere hahaha!!! Ich war erst zu einem Vorgespräch nach Hamburg gereist, wo viele junge blonde norddeutsche Mädchen sich tummelten, dort sprach ich mit Peter Beauvais, einem älteren, Respekt einflößenden Herren mit raspelkurzen Haaren und Schalk in den Augen, der ein Papiertaschentuch aß und mir freundlich und sehr konzentriert Fragen stellte, was ich so mache. Dann lud er mich ein, wieder zu kommen, um drei Szenen vorzusprechen, man würde mir die Drehbücher zuschicken. Ich las also das erste Mal ein Drehbuch und war verwirrt – die Szenen waren so kurz und die Texte noch viel mehr. Also suchte ich drei Szenen aus, die lang waren und viel Text hatten, fuhr dann wieder nach Hamburg. Erstaunlicher Weise fand das Vorsprechen dann in seiner Wohnung statt, nicht in einem Casting Studio, ich habe keine Ahnung warum, aber ich war hingerissen von seiner Wohnung, die riesig war und bepackt mit Büchern bis unter die Decke und Kunst die nicht an den Wänden hing, sondern am Boden dagegen gelehnt war, große weiße Sofas, Fenster, die auf einen Kanal schauten, Wahnsinn. Dort sprach ich vor.

02/ Welche Szene?

Eine Szene die im Ruderboot spielte. Ich hatte mir extra meine Schnürstiefelchen angezogen, um ein bisschen in das Gefühl des ausgehenden 19. Jahrhunderts hinein zu kommen. Ich konnte nicht auf dem Sofa spielen, also bat ich mich auf einen der Schemel setzen zu dürfen, die man benutzte, um an die oberen Bücherregale zu kommen. Und dann spielte ich und er las ganz schlecht den Partner ein und irgendwann waren wir fertig und dann war Stille und er guckte mich wieder an mit diesem Peter-Beauvais-Schalk-Blick und sagte: „Sie sind’s.“ Tja. So war’s. Ich sagte sowas wie: ah oder oh oder toll oder danke oder so, und dann: „Und wie geht es jetzt weiter?“ Er: „Jetzt wird man versuchen, Sie zu drücken.“ Da ich nicht wusste, was das bedeutete, nickte ich einfach nur verständnisvoll. Schnitt.

03/ Zu der Zeit studierten Sie an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Wie war es für die Filmaufnahmen in die „alte Heimat“ zurückzukehren?

Ach, da muss ich Sie leider enttäuschen, für mich war Bremen ja gar nicht meine Heimat, ich komme doch aus dem Dorf Kirchweyhe, was jetzt vielleicht kein Dorf mehr ist, das weiß ich nicht; aber es war wahnsinnig aufregend für mich nach Bremen zu ziehen, was ich mit Sack und Pack tat für die sechs Monate der Dreharbeiten. Ich wusste nicht, dass man mir ja auch ein Hotelzimmer zur Verfügung gestellt hätte, so unbeleckt vom Filmbusiness war ich, also bin ich umgezogen von Hannover nach Bremen und hab mir da ein Ein-Zimmer-Apartment angemietet, das zufälliger Weise am Dobben war, wohl der einzigen Straße, die ich in Bremen kannte, da ich dort als Kind zum Ballettunterricht gegangen war.

04/ Sie sind in Kirchweyhe bei Bremen aufgewachsen. Sie haben einmal gesagt, dass sie sich als Findelkind gefühlt haben. War die Jugend auf dem Dorf so schlimm?

Neiiiiin!!! Überhaupt nicht, die Kindheit war fantastisch! Aber diese Findelkindsache, habe ich mir sagen lassen, ist doch bei mir kein Einzelfall, viele Kinder, ich glaube, fast alle meine Freunde, haben gedacht, sie seien ein Findelkind, meine Tochter anscheinend auch… Es ist vielleicht die erste Auseinandersetzung mit der Familie, mit Identität und der damit verbundenen Frage, wer bin ich, wer sind die, wie geht das zusammen. Ich liebe meine Familie damals wie heute und bin ganz sicher kein Findelkind, auch wenn ich diese romantische Vorstellung hatte eigentlich einer Zirkusdynastie entsprungen zu sein…..

05/ Pflegen Sie heute noch Kontakte nach Kirchweyhe beziehungsweise Bremen?

Mein Vater lebt in Bremen. Meine Geschwister sind schon lange weg gezogen und meine Mama ist leider tot…

06/ Eigentlich wollten Sie Tänzerin werden, hatten sogar Ballett-Unterricht über dem die Lehrerin mit dem Stock wachte und studierten schließlich auch ein Semester Tanz in Hamburg. Warum haben Sie sich dann doch für die Schauspielerei entschieden?

Ich habe das Theater für mich in Hamburg entdeckt, während meines Tanzstudiums und hatte Glück, denn als ich dort lebte, war Zadek Intendant am Schauspielhaus und das war ziemlich legendär. Ich habe jeden Tag auf meinem einstündigen Weg zur Schule ein Stück gelesen, weil ich merkte, dass ich brainfood brauchte, da ich durch das Training nur noch Körper war – und irgendwann war’s dann halt soweit. Ich war eine ganz gute Tänzerin, glaube ich, aber es hätte nicht für die internationale Konkurrenz gereicht, ich hätte nach den Studien in Hamburg nach London oder New York gehen müssen, aber ich hatte davor irre Angst, für mich war der Schritt von Kirchweyhe, respektive Barrien, wo ich später lebte (kleiner als Kirchweyhe) schon groß genug. Immerhin hab ich’s bis Berlin geschafft und mein Kind lebt in London…auch nicht schlecht…

07/ Warum hat es so lange gedauert, bis Sie erstmals beim „Sommer in Lesmona“ live auftreten?

Ich habe keine Ahnung….

08/ Sie sind als Schauspielerin aus Film, Fernsehen und von der Theaterbühne bekannt, haben in verschiedenen Stilrichtungen Musik gemacht und waren mit diversen Lese-Abenden unterwegs. Was planen Sie als nächstes?

Oh, als nächstes mache ich mal so richtig gar nichts und nur Sommer und bete um gutes lang anhaltendes Wetter, wo alle stöhnen: es ist so heeeiiiß…das macht mich sehr glücklich, also nicht das Stöhnen, sondern die Wärme.
Ich habe jetzt gerade zwei Filme gedreht, einen mit Margarethe von Trotta, den sie für Barbara Sukowa und mich geschrieben hat…den müssen Sie sich dann ansehen, denn Barbara ist ja auch aus Bremen. Er heisst „Die abhandene Welt“ und kommt eventuell im Herbst bereits ins Kino. Und dann habe ich einen französischen Film in Limoges, Frankreich gedreht, für arte, der läuft im Januar. Wie mein Herbst aussehen wird, weiß ich noch nicht genau, gibt da verschiedene Ideen…mal gucken…
Danke für das Interview und die besten herzlichsten Grüße ins schöne Bremen!!!

Text: Martin Märtens

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Foto: Gregor Toerzs