Wilfried Hautop liebt das Leben zwischen zwei Welten

 

Wilfried Hautop ist ein Macher. Das hat der 65-Jährige in seiner langjährigen Tätigkeit beim Martinshof, einer der ältesten Werkstätten für Menschen mit Behinderungen, etliche Male gezeigt. Sein Credo: „Tue Gutes und rede auch darüber“. Und so hat er es geschafft, den Martinshof mehr nach außen zu öffnen und Menschen mit Beeinträchtigungen zu integrieren und ihnen eine sinnvolle Beschäftigung zu geben – auch in der Bremer Wirtschaft.

Von Sheila Schönbeck

Zum Martinshof wollte Wilfried Hautop nie. Diese Werkstatt ist wie „eine geschlossene Anstalt“, die Menschen völlig isoliert – so dachte er damals. Nach fast 30 Jahren in leitender Position ist nicht nur Hautops Einstellung zum Martinshof eine ganz andere, sondern auch dessen Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. „Es ist ein toller Beruf, weil man etwas Soziales für Menschen mit Einschränkungen tut, die Hilfe brauchen und sie gleichzeitig etwas Richtiges und Qualitatives herstellen, wie etwa die Senatskonfitüren“, sagt Hautop voller Überzeugung. Das Wort Behinderung nimmt er nicht gern in den Mund. Es seien tolle Menschen, nur einfach etwas langsamer. „Sie sind spontan und zeigen Gefühle. Das haben wir uns aberzogen.“ Zwischen diesen zwei Welten, der der Beeinträchtigten und der der „Normalen“, sei er regelrecht aufgegangen. Sechseinhalb Tage die Woche arbeiten – für den Vollblut-Geschäftsführer kein Problem.
Doch seit Ende November ist der 65-Jährige kürzer getreten. Der Mann mit dem Beinamen „Mr. Martinshof“ wurde als Geschäftsführer in den Ruhestand verabschiedet. Das Ende einer Ära endet, zumindest teilweise. Sein Büro im Buntentorsteinweg hat der umtriebige Ruheständler durch ein neues eingetauscht. In der ersten Etage des KWADRATs am Ende des Flures mit Blick auf die Weser befindet sich sein „neues Reich“, wie er sagt. Dort kümmert er sich in der von ihm 2003 gegründeten Stiftung Martinshof weiterhin um seine Mitmenschen, vor allem um die Absicherung älterer Menschen mit Beeinträchtigung.

Der Küper im Sozialamt
Wilfried Hautop ist eigentlich gelernter Seehafenspediteur (Küper). Mit 14 Jahren lernte er drei Jahre bei Kühne & Nagel. Danach ging er nach Frankfurt am Main und arbeitete am Flughafen. „Ich wollte raus, raus aus dem Elternhaus. Und dort habe ich dann meine Frau aus Bremen kennengelernt.“ So führte ihn der Weg wieder zurück in die Heimatstadt. Der neue Bürojob für Kaffeeimport langweilte ihn schnell. „Dort trug man die Krawatte passend zu Socken und Hemd. Jeder Tag begann mit dem Umschlagen des Kalenders. Schreckliche Routine. Nach einem Jahr hatte ich zu viel davon“, erzählt Hautop.
Also drückte er mit 23 Jahren wieder die Schulbank, um seine Fachhochschulreife nachzuholen. Klassische Rollenverteilung gab es bei den jungen Eheleuten nicht. Während Hautops Frau arbeitete, schmiss er den Haushalt. „Ich hatte ja Zeit dafür und sie wiederum Zeit, mit mir am Wochenende etwas zu unternehmen.“
Anschließend beginnt Hautop beruflich einen gemeinnützigen Weg einzuschlagen. Zehn Jahre ist er Sozialarbeiter im Suchtbereich, daraufhin arbeitet er mit psychisch Kranken und später im Sozialamt mit Langzeitarbeitslosen. Als 1987 die Sozialbehörde das Amt „Werkstatt Bremen“ gründet, wird Hautop der stellvertretende Leiter. Die Funktion des stellvertretenden Geschäftsführers übernimmt er 1993 als das Amt zum Eigenbetrieb der Stadtgemeinde Bremen wird. Ab 2001 ist er schließlich Chef der Werkstatt Bremen.
In seiner Anfangszeit hatte der Martinshof vier Standorte, derzeit sind es 38, an denen 2.200 Mitarbeiter tätig sind. Nicht nur die Ausweitung der Standorte ist sein Verdienst, Hautop hat den Namen Martinshof in ein positives Licht gerückt. Er steht längst nicht mehr nur für Fürsorge und Bastelunterhaltung. Heute arbeiten die Beschäftigten dort, wo andere ohne Beeinträchtigung auch arbeiten. Hautops Credo, „Tue Gutes und rede auch darüber“, hat sich ausgezahlt. Im schicken Anzug hat er bei den Chefs in den Betrieben für seine Mitarbeiter geworben. So konnten viele Auftraggeber gewonnen werden unter anderem als größter Mercedes-Benz, gefolgt von der Polizei Bremen und der AOK. Doch auch die Mitarbeiter mussten erst noch überzeugt werden, sich für die Gesellschaft zu öffnen. „Ich habe ihnen gesagt: Brust raus und zeigt, was ihr könnt. Ihr braucht euch nicht zu schämen, gebt an mit dem, was ihr könnt“, so Hautops Devise.

Mit Ehrgeiz in den Senat
Wilfried Hautop ist ungeduldig, hartnäckig und pingelig – Eigenschaften, die ihn bei seiner Arbeit förderlich waren. Wenn er eine Idee hat, dann ist diese komplett durchdacht. Widerstände kennt der Bremer nicht. Ein gutes Beispiel: die Bremer Senatskonfitüren, die der Martinshof seit 2007 produziert. Als er hörte, das der hiesige Senat zu seinem traditionellen Frühstück Marmelade aus einem anderen Bundesland verzehrt, packte ihn der Ehrgeiz. Das musste sich ändern. Jeden Dienstag brachte er eine Kiste mit Martinshof-Konfitüren ins Rathaus. Ein halbes Jahr lang. Vergeblich. Dann fuhr Hautop härtere Geschütze auf. Um den Bremer Senat unter Druck zu setzen, fuhr er mit vier Behinderten aus seiner Werkstatt und seiner Sekretärin Maria Kaufhold zum damaligen Ministerpräsidenten Niedersachsens, Christian Wulff, um die Konfitüren anzubieten. Der Schachzug hat funktioniert, seitdem wird beim Senatsfrühstück die Bremer Konfitüre aufgetischt.
Hautop sieht das große Ganze. Bei ihm muss es anders sein als normal. Wenn ein Außenminister wie Frank-Walter Steinmeier von den Martinshof-Produkten begeistert ist und sich mit Hautop auf ein Bier treffen möchte, denkt dieser: „Das ist ja doof, da sieht uns ja keiner“. Und so war die Idee zur Veranstaltungsreihe „Werkstatt trifft Wirtschaft“ geboren. Ehrengast beim ersten Wirtschaftstreff 2008, natürlich Außenminister Steinmeier.
Wilfried Hautop kann reden und überzeugen. Sein Art Geschäfte zu machen: erst schnacken, dann schreiben. Mit anderen Worten erst mündlich zügig alles klären und dann schriftlich festmachen. Eine Taktik, die bei den Verhandlungspartnern gut ankam.
Aber auch seine Authentizität ist dabei hilfreich. „In den vergangenen zehn Jahren habe ich begriffen, authentisch und echt ist besser als intelligent. Seitdem habe ich keine Rituale mehr und wollte auch keine Beförderung mehr“, so der Ruheständler, der immer wieder betont, dass er aus einfachem Hause komme. Stattdessen erhielt er 2008 das Bundesverdienstkreuz am Band von Horst Köhler. Eine Auszeichnung, die ihm auch Neider brachte. Hautop selber sah dies als Aufforderung noch mehr zu machen.
Richtig zurücklehnen wird sich der 65-Jährige trotz Ruhestand aber nicht, wobei er sich nicht mehr nach dem vollen Programm sehne. Er ist davon überzeugt, dass es in jedem Betrieb Tätigkeitsfelder für Menschen mit Beeinträchtigung gibt. Daran arbeitet er noch, sagt er. „Aber ich werde es jetzt langsamer angehen.“ Urlaub, Krimis lesen, mit dem E-Bike fahren, segeln und im Garten hantieren stehen derzeit auf seiner Agenda. Vielleicht wartet noch ein Projekt in China auf ihn. Das reize ihn, auch wenn er bei all der Aufregung sicher ein Magengeschwür bekäme. Eines ist sicher, Wilfried Hautop wird weiterhin ganz unterschiedliche Menschen zusammenbringen, denn das ist es, was ihm Freude macht.