Die neuen Romane von Jutta Reichelt und Alexa Stein spielen in der Hansestadt

Sie jonglieren mit Worten, planen wohlüberlegte Handlungsstränge und verwickeln ihre Figuren in fesselnde Geschichten: Die Autorinnen Jutta Reichelt und Alexa Stein. Ihre aktuellen Romane spielen in ihrer Wahlheimat Bremen.

Das Erfinden von Geschichten gehört zu ihrem Leben: Jutta Reichelt und Alexa Stein schreiben seit gut 20 Jahren. 2008 veröffentlichten beide ihren ersten Roman: Reichelt debütierte mit „Nebenrollen“, Stein mit „Kronus’ Kinder“. Die Autorinnen erhielten 2010 gleichzeitig ein Stipendium des Literaturkontors Bremen für die Romanwerkstatt mit dem Schriftsteller Michael Wildenhain. Dort haben sie an früheren Versionen ihrer aktuellen Romane gearbeitet.

Angefangen haben die Wahlbremerinnen wie üblich mit Kurzgeschichten. Jutta Reichelt eher unfreiwillig. „Ich wollte einen Roman schreiben und habe alle guten Ratschläge ignoriert. Am Ende hatte ich meine Geschichte auf 20 Seiten erzählt“. Damit habe ein langer Prozess des Schreibens begonnen. Heute ist die 1967 in Bonn Geborene hauptberuflich Schriftstellerin. Zuvor studierte sie erst Jura – Mord und Totschlag sowie Gerechtigkeit hätten sie interessiert – anschließend Soziologie. Dieses Studium beendete sie in der Hansestadt. Sie habe raus und gen Norden gewollt. Das war 1989. „Oldenburg war mir zu klein, Hamburg zu groß und Kiel zu nördlich. Bremen hat eine fantastische Größe. Hier habe ich eine neue Heimat gefunden“, sagt Reichelt sehr zufrieden.

Gegen Ende des Soziologiestudiums habe sie dann auch gemerkt, dass Schreiben das ist, was sie machen möchte. 2007 erschienen unter dem Titel „Zufälle“ acht Kurzgeschichten. Ihre erste Geschichte, die ursprünglich ein Roman werden sollte, handelt von einem Paar aus ihrem Umfeld, das sich nach langer Zeit völlig überraschend für alle trennt. „Das hat mich beschäftigt. Wie kann ein Leben, das von außen sehr glücklich erscheint, plötzlich so ins Wanken geraten?“

Dieser Frage geht sie auch nach in ihrem aktuellen Roman „Wiederholte Verdächtigungen“, ein Familien- und Seelenkrimi. Darin verschwindet Christoph unverhofft, hinterlässt lediglich eine SMS: er habe sich „idiotisch in etwas verrannt“. Für seine Freundin Katharina beginnt eine Zeit wilder Spekulationen: Was ist passiert? War noch alles in Ordnung als sie vom Viertel nach Walle gezogen sind? Auch der SV Werder Bremen spielt eine Rolle.
Sechs Jahre hat Reichelt, die in der Neustadt wohnt und großer Fußballfan ist, an dem 184 Seiten schmalen und doch gewichtigen Roman geschrieben. „Die Geschichte war sehr widerspenstig. Die größte Herausforderung: die Auflösung. Eben war noch alles gut für die Figuren und ein paar Tage später ist alles anders. Das überzeugend darzustellen, ist eine Aufgabe.“

Dieser Schwierigkeit begegnet auch Alexa Stein bei der schriftstellerischen Arbeit. Sie habe einen Anspruch an ihre Figuren. „Es ist sehr wichtig, das der Leser am Ende von der Geschichte überzeugt ist. Wenn eine Person mordet, muss es auch dafür einen Hintergrund geben“. Einen Hang zum Erzählen hatte Alexa Stein, 1966 in Nürnberg geboren, schon als Kind. Vor allem Krimis haben es ihr angetan. „Ich habe immer donnerstags das Krimihörspiel Professor Dr. Dr. Dr. Augustus van Dusen von Michael Koser mit Spannung verfolgt“, erinnert sie sich. Jahre später wurde am BremerKriminalTheater – Stein zog der Liebe wegen 1990 nach Bremen – ein Jugendtraum war: Sie lernte den Autor persönlich kennen.
Zum Schreiben angeregt wurde Alexa Stein auf anderem Wege: „In den 90er Jahren hatte ich einen Traum, der immer wieder kam. Daraus wollte ich eine Geschichte machen. Da ich sehr perfektionistisch bin, habe einen Schreibkurs an der Volkshochschule besucht, später dann Seminare“, erzählt die Autorin.

Anders als bei Jutta Reichelt ist für Stein das Verfassen von Romanen ein Nebenberuf mit Hobbycharakter. Hauptberuflich ist sie Betriebswirtin. „So widersprüchlich sind sich beide Tätigkeiten nicht. Das Schreiben hat auch viel mit Logik und Strukturierung zu tun.“ An ihrem neuen Roman „Am Ende der Schuld“, der auch als Psychogramm überschrieben ist, hat Alexa Stein vier Jahre gearbeitet. Hauptfigur ist die unscheinbare Jana, die im Viertel lebt. Sie hütet ein dunkles Geheimnis. Unauffällig schleicht sie sich in das Leben von Jochen aus Schwachhausen, Inhaber einer Tee-Firma. „Ich denke mir weniger den Plot aus, sondern beginne mit einer Figur, die sich in einer bestimmten Lebenssituation befindet. Auf einmal ist sie da und lässt mich nicht mehr los. Dann fange ich an um sie herum zu stricken. Es fügt sich wie bei einem Puzzle zusammen“, erklärt die Autorin. Alexa Steins Werke enthalten alle kriminelle Elemente. „Es sind keine klassischen Krimis. Das ist mir zu langweilig, wenn am Ende der Böse bestraft wird. Vielmehr haben meine Texte mystische, witzig-psychologische Aspekte und gehen in die Richtung Thriller.“

Über das reine Romane Schreiben hinaus nimmt die Literatur im Leben beider Frauen einen großen Platz ein. Jutta Reichelt – Preisträgerin des Tübinger Würth-Literaturpreises sowie des Autorentreffs Irseer Pegasus – veranstaltet für verschiedene Institutionen Schreibwerkstätten und -projekte. Außerdem führt sie den Blog „Über das Schreiben von Geschichten“. Alexa Stein hingegen ist aktiv im Autorenforum Bremen, einer Plattform für Autoren aus Bremen und dem Umland, die sie 2008 gegründet hat. Zudem ist sie seit 2003 Mitglied der Mörderischen Schwestern, einer Vereinigung deutschsprachiger Krimiautorinnen und organisiert seit 2011 das Bremer Krimifestival. Beide hatten unterdessen auch Lehraufträge für kreatives Schreiben an der Universität Bremen. Reichelt lehrt aktuell im Rahmen des Studiengangs „Palliative Care”.

Das nächste Buch ist bereits bei den Bremerinnen in Arbeit. Die ersten Seiten ihres Romans hat Jutta Reichelt schon geschrieben. Dieses Mal werde es keine sechs Jahre dauern, versichert sie. Vielleicht wird es ein Krimi. Zwei Handlungen habe sie schon im Kopf. Wer nicht warten möchte, kürzlich sind im Bremer Logbuch Verlag vier Erzählungen der Autorin unter dem Titel „Es wäre schön“ erschienen.
Kriminell geht es auf jeden Fall bei Alexa Stein weiter. Sie arbeitet an einer Fortsetzung ihres erfolgreichen Kurzgeschichten-Bands „Gänsehaut und kaltes Grauen“. Tatort der 15 schaurigen Geschichten ist Hamburg. Erscheinungstermin soll im Herbst 2016 sein. Aus ihren neu erzählten Bremer Sagen liest die Autorin am 17. Mai bei einem kriminellen Frühstück im Focke Museum. „Gänsehaut im Bauernhaus” lautet der Titel der Veranstaltung, die um 11.30 Uhr beginnt. Anmeldung bis zum 12. Mai im Focke Museum.

Text: Sheila Schönbeck
Bilder: Jörg Klampäckel, Caro_Dirscherl

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