Peter Lüchinger liebt Shakespeare und die Freiheit

Er ist so etwas wie das Gesicht der Bremer Shakespeare Company geworden: Seit 25 Jahren spielt Peter Lüchinger im Theater am Leibnizplatz. Und jetzt hat er sogar noch ein hohes Bremer Amt übernommen: das des Schneiders bei der Eiswette.

„Ich hatte damals schon lange die Idee, frei am Theater zu arbeiten“, sagt Peter Lüchinger. Also machte sich der Schweizer nach Stationen am Staatstheater in Berlin und Kassel auf den Weg nach Bremen. Er kannte die Shakespeare Company und hatte davon gehört, dass dort eine Stelle frei sei. Also stellte er sich vor und wurde genommen. Nach fünf Jahren Staatstheater genau der richtige Schritt an ein freies Haus zu wechseln – wie er damals fand. „Freiheit ist ein verlockendes Angebot und wenn man das gut gestaltet, ist es wie ein Geschenk“, so der 56-Jährige. Aber es ist auch sehr viel Arbeit und reich kann man damit auch nicht werden, wie er unmittelbar nachschiebt.

Dass er damals den für ihn richtigen Schritt gegangen ist, belegt schon die beeindruckende Zahl von 25 Jahren, die er seither bei der Company arbeitet. Im Dezember vergangenen Jahres feierte er sein Jubiläum. Mittlerweile ist der in Aarau Geborene aus der Bremer Kulturlandschaft nicht mehr wegzudenken. Sein Gesicht ist fast zu einer Art Markenzeichen der Stadt geworden – obwohl, oder vielleicht gerade auch weil er nach einem Vierteljahrhundert noch immer seinen schweizer Zungenschlag pflegt.

Ursprünglich hat Lüchinger eine kaufmännische Lehre abgeschlossen. Ihm sei aber ziemlich schnell klar geworden, dass er keine große Lust hatte, in diesem Beruf auch weiterhin tätig zu sein. Also wurde er Schauspieler, studierte in Zürich und zog dann in die große weite Welt hinaus – und landete in Bremen. Anfangs wollte Lüchinger zunächst nur für ein Jahr in der Hansestadt bleiben. Dann blieb er noch ein Jahr, dann noch eins und noch eins … „Ich konnte mir in dem Haus ja nur selber kündigen“, sagt der Schauspieler. Und das hat er einfach nicht getan. Vor allem, weil ihm die Freiheit dort und in der Stadt so gefiel. „Theater ist nur ein Teil in meinem Leben. Ich möchte auch mit den Leuten der Stadt, in der ich lebe in Berührung kommen und mich austauschen“. Bremen sei als Stadt „überblickbar“ und habe eine Größe, die für ihn noch greifbar sei. „Mein Leben ist mindestens genauso langweilig, wie das von jedem anderen. Deshalb erzähle ich auch nichts davon. Es ist umso interessanter in die verschiedenen Rollen zu schlüpfen“, so Lüchinger. An Shakespeare begeistere ihn vor allem dessen Radikalität sowie die Komplexität der Figuren. „Alles, was ich habe, muss ich der Figur zur Verfügung stellen“. Zudem stünde in vielen aktuellen Stücken nicht mehr diese Sprache zur Verfügung. Auf etwa knapp 150 Rollen sei er in geschätzten 2500 Vorstellungen bei der Company mittlerweile gekommen. Dennoch ist er des Shakespeare-Spielens noch immer nicht müde. „Es ist spannend, ein Stück mehrmals in verschiedenen Inszenierungen zu spielen, da es jedes Mal einen anderen Blickwinkel auf das Geschehen gibt und ich natürlich auch jedes Mal ein bisschen älter bin.“

Ein weiterer wichtiger Aspekt für seinen langen Verbleib in Bremen sei zudem die Arbeit mit den Kollegen an dem selbstverwalteten Haus. Eine Herausforderung und gleichsam eine Genugtuung für ihn. Jeder der 25 daran beteiligten Personen (davon neun Schauspieler) müsse Verantwortung übernehmen. Das könne zwar auch mal zu längeren Diskussionen führen – es sei aber dennoch genau das, was er immer für sich gewollt habe. Mittlerweile ist der Schweizer auch häufiger im Rahmen von Lesungen zu sehen und zu hören und gibt Kurse an der Uni, bei Lehrern und bei Schülern. Wobei das mit den Schülern ein für ihn ganz eigenes Feld ist. „Wenn ich auf der Bühne stehe, kenne ich mich aus. Aber in den Gesichtern von Kindern sehe ich so viele Eigenheiten und Fragen“, erklärt Lüchinger, so dass er vor der Arbeit mit den Schülern immer besonders aufgeregt sei.

Und wie ist er zum neuen Schneider bei der traditionellen Bremer Eiswette geworden? „Ich bin einfach gefragt worden“, lautet die kurze Antwort. Ganz so einfach sei es für ihn dann aber doch nicht gewesen. „Ich musste lange überlegen“, gesteht Lüchinger. Schließlich würde meistens eine Verbindung von seiner Person zur Shakespeare Company gezogen. Deshalb besprach er auch im Haus, ob er die Rolle annehmen solle. Jetzt ist er froh, dass er es getan hat. „Es ist eine tolle Rolle, ein wenig wie eine Narrenfigur bei Shakespeare. Ich bin überrascht, wie viele Leute das wichtig finden.“ Seither wird er regelmäßig auf der Straße darauf angesprochen und ihm gratuliert. „Ich habe jetzt ein Amt“, lautet seine Feststellung dazu. Und dieses Amt bedeutet, dass er zumindest die kommenden fünf Jahre immer am 6. Januar pünktlich um 12 Uhr in Bremen sein muss. Unfrei fühlt er sich deshalb in der freien Hansestadt trotzdem nicht.

Text: Martin Märtens

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